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Johann Janus' Kolumne

Vier Taler und ein Riese


Johann Janus, gebürtiger Hallunke, befindet sich gerade auf einem harmlosen Spaziergang, als die Stimmung umschlägt und ein Kampf gegen Riesen, historische Inkonsequenz und eine noch inkonsequentere Persönlichkeit beginnt.

Es sollte ein ganz normaler Spaziergang werden. Wenig stört die aufkeimende Frühjahrsidylle, während Torben und ich das Saaleufer entlangschlenderten, als plötzlich auf Höhe der Burg Giebichenstein zwei Wikinger über unseren Weg stolpern. Nun stolpern mir viele Dinge und Wesen so tagtäglich über den Weg, Wikinger gehören allerdings nicht dazu. Interessiert schlagen wir den Weg zur oberen Burg ein, wo uns bereits die Geräuschkulisse eines regen Treibens und ein Baumstamm entgegenschlagen.
Nun, der Baumstamm landet knapp neben uns und ein stämmiger Knappe in rotem Kilt ruft uns ein "Verzeiht, werte Wandersmänner, ich übe noch!" zu. Ich will noch gewohnt flapsig antworten, da spüre ich die Zunge sich dem alten Klang anpassen und den Bartwuchs in gar ritterlicher Manier austreiben. Mein Blick wandert zum Thor an meiner Seite, der die Verwandlung mit einem Schulterzucken registriert. "Fürwahr, Johannes, dies sollte dich nicht schrecken. Dein Geist ist bereits zu gewöhnlichen Monden in tausend Stücke gespalten, bei diesem bunten Treiben liegt es ja bereits in den Lüften!" Durch den Eingang, der sonst zur Kunsthochschule führt, betreten wir das Doppelte Burgfest - na klar, in Halle reicht ein einfacher Mittelaltermarkt nicht aus, muss schon doppelt sein. Wir treffen Ronald den Riesen, der mit einer Armbrust über der Schulter hantiert. "Johannes und Thor, welch Freude, Euch hier zu erblicken! Mich dünkte stets, ihr wäret nicht für solch Metier zu haben?"
"Zweifelte er etwa an unserer Männlichkeit?", wende ich ein, während Thor sich für ein Langos-Knoblauch-Brot-Irgendwas anstellt.
"Ich drückte es nicht derart aus, doch glaubt nicht, diese Armbrust, die ich kürzlich im Bewaffne Dich erstand, sei einfach zu handhaben!"
"Ronald, Eure werte Mutter ist einfach zu handhaben."
"Das verlangt nach einem gar ritterlichen Wettstreit, mein Freund! In einer halben Stunde vor den Toren der Burg!"
Nach Unterstützung suchend drehe ich mich zu Thor um, der in seiner Geldbörse suchend empört ausruft: "Vier Taler für ein Langos-Knoblauch-Brot-Irgendwas! Das ist Wucher! Und überhaupt, ich hab keine Taler, nur Euros!". Ich stecke ihm vier Taler zu, damit er Ruhe gibt und murmele: "Wir wurden herausgefordert!"
"Wir? Du! Ich esse ein Langos-Knoblauch-Brot-Irgendwas", sagt Thor trocken.
"... das ich bezahlte!", erinnere ich ihn und zerre ihn in Richtung des Live-Rollenspiel-Standes Bewaffne Dich. "Wir brauchen hartes Geschütz!", rufe ich der Verkäuferin zu.
"Seid Ihr nicht die Recken von Horch?", erwidert sie, als sie uns anblickt.
"Horch? Ähm, neei ... nei - natürlich sind wir das", korrigiere ich meine Verneinung, als Thor mir auf den Fuß tritt. "Was ist Horch?", flüstere ich, doch er stößt mich nur in die Rippe und meint: "Keine Ahnung, aber wir sehen offenbar so aus!"
Die junge Maid wird ein wenig rot um die Wangen, fragt, ob es stimme, dass wir bei den nächsten Highland Games spielen würden, schenkt uns ein mindestens 1,50 Meter langes Schwert und geht dann hinter dem Stand mit Thor rumknutschen. Irrelevant, ich habe einen Kampf zu bestehen. Ich stärke mich mit einem Becher Met und stolpere vor das Burgtor, wo Ronald mich bereits erwartet, umringt von einer geifernden Menge Bauern und einem schottischen Dudelsackspieler.
"Da kommt das Schandmaul!", ruft ein Zuschauer, ich schlage ihm kurzerhand seinen vorlauten Kopf ab. Wie man das eben so macht im Mittelalter. Das Blut macht den Boden ein wenig rutschig und den Kampf umso spannender.
"Nun, beweise er, ob er seinen tapferen Worten auch Taten folgen lässt!", brülle ich Ronald entgegen, und wir schlagen ein wenig aufeinander ein. Ein abgehackter Arm, eine tiefe Fleischwunde im Bauch und drei Finger später wird es offenbar langweilig und das Publikum lichtet sich. Der Ehre halber machen wir noch eine Weile weiter und vereinbaren dann ein Patt, just in dem Moment, als Thor mit befriedigtem Gesichtsausdruck und der Bewaffne-Dich-Verkäuferin zurückkommt. Sie stellt sich als Alte-Welt-Studentin heraus, weiß inzwischen, dass wir keine Mitglieder der ohnehin viel älteren Folk-Band Horch sind und korrigiert meinen Gebrauch des "fürwahr" in unserem Gespräch. "Fürwahr, das mag mir fürwahr nicht gefallen, dass Du meinen mittelhochdeutschen Sprachgebrauch nicht für wahr hältst", meine ich beleidigt und gebe ihr das stark lädierte Langschwert zurück.
"Was bist Du denn so schlecht gelaunt?", fragt Thor.
"Mir fehlt ein Arm, der Met ist leer und jemand will meine Sprache korrigieren!", stänkere ich und entscheide mich spontan für eine historische Unkorrektheit. "Kommt jemand mit ins 36?"
Als wir wenig später im 36 einen Cuba Libre bei dem mit Hosenträgern versehenen Barmann bestellen, meint Ron: "ich glaub, wir sind hier im falschen Zeitalter." Doch ich unterbreche ihn. Bevor mich meine Persönlichkeit irgendwo in die 50er Jahre versetzt, bleibe ich den Rest des Abends lieber inkonsequenter Ebrone. Ein abgehackter Arm kann einem ganz schön den Tag versauen.


Wort: Jesko Habert / Bild: ThomasLeibe

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