Leander Carell
Ein Oscar für Halle
Leander Carell ist Hallenser und hat sich dem großen Kino verschrieben. 2003 gründete er zusammen mit Patrick Knippel und Steffen Reuter die Filmproduktionsfirma Schmidtz Katze.
Nicht einmal zehn Jahre später fliegt der 33jährige mit seinen Kollegen nach Los Angeles, um - am 26. Februar - den Oscar zu gewinnen. Ihr aktueller Streifen "In Darkness" ist nicht nur als bester fremdsprachiger Film nominiert, sondern hat reelle Chancen auf die begehrteste Trophäe der Branche. Wir haben uns mit Leander Carell über die Nominierung, seinen Film und die nächsten Projekte unterhalten.
BLITZ!: Leander, wie habt Ihr von der Oscar-Nominierung erfahren?
Leander Carell: Wir haben es im Live-Stream über CNN geschaut, alle zusammen im Büro mit einer Flasche Rotkäppchen trocken in der Hand. Aber die Hände waren total feucht. Als dann unsere Kategorie des besten ausländischen Films dran war, stand der Stream plötzlich. Es war wie verhext. Doch Sekunden später kamen Gratulationen über Facebook und Twitter bei uns rein und wir haben geschrien und gejubelt.
BLITZ!: Euer Film schildert die wahre Begebenheit des Überlebenskampfes einer Gruppe jüdischer Flüchtlinge, die sich im Zweiten Weltkrieg vor den Nazis verstecken. Woran liegt es, dass sich Deutschland fast immer mit den Themen Zweiter Weltkrieg und Holocaust präsentiert?
L.C.: Es ist ja nicht so, dass Deutschland diese Themen explizit präsentiert. Es gibt eine Jury und mehrere tausend Mitglieder der Academy, die sich die Spielfilm-Einreichungen der verschiedenen Nationen anschauen und dann ihre Kandidaten auswählen. Und weil "In Darkness" dort überzeugt hat, sind wir jetzt im Rennen. Wir Deutschen thematisieren den Holocaust, weil er ein Teil unserer Geschichte ist. Genauso war "Das Leben der Anderen" Teil unserer DDR-Geschichte und hat das Publikum überzeugt. Letztendlich hat Kino die Chance, unsere eigene Geschichte durch Geschichten emotional erlebbar zu machen, und genau das haben wir mit "In Darkness" getan.
BLITZ!: Was denkst Du, war ausschlaggebend für die Nominierung.
L.C.: "In Darkness" ist ein spannender Film mit einem relevanten Thema. Die Regie überzeugt, die Schauspieler sind authentisch und es ist eine wahre Geschichte. Wir haben bereits bei der Weltpremiere in Toronto miterlebt, wie emotional das Publikum auf den Film reagiert. Und abgesehen davon gab es im Vorfeld auch schon Interesse bei der Academy für Agnieszka Hollands neuen Film. Sie war bereits zwei Mal für den Oscar nominiert.
BLITZ!: Ihr habt neben Berlin auch immer noch ein Produktionsbüro in Halle. Welchen Anteil hat das Team in Halle am Erfolg Eures Films?
L.C.: Wir hatten zum Dreh ein Team von über 100 Leuten, viele kommen aus Mitteldeutschland. Mittlerweile leben in unserer Region viele Menschen von der Filmproduktion und den Drehs. Der Dreh von "In Darkness" war sehr hart. Wir hatten zu dieser Zeit Minusgrade, in Halle gab es Hochwasser und wir konnten nicht wie geplant in der Kanalisation vor Ort drehen. Wir hatten dann fast das komplette Set nachgebaut in den Leipziger MCA-Studios. Das waren natürlich wahnsinnig viele Umplanungen, die an den Kräften aller Beteiligten gezehrt haben. Das hallische Team hat einen sehr großen Anteil daran, dass wir in der kurzen Drehzeit alle Szenen im Kasten hatten.
BLITZ!: Wie seht Ihr die Chancen, den Oscar zu gewinnen?
L.C.: Ein großer Traum. Vor der Nominierung standen die Chancen deutlich schlechter, denn es waren ja wesentlich mehr Filme in der Konkurrenz. Heute sind es nur noch vier weitere Mitbewerber. Aber alles sind sehr gute Filme und jeder hat es verdient, einen Oscar zu gewinnen.
BLITZ!: Wer gewinnt eigentlich den Oscar? Die Regisseurin, die Produzenten, das ganze Team? Hast Du in Gedanken schon begonnen, über eine Dankesrede nachzudenken?
L.C.: Der Preis geht, soweit ich es weiß, an die Regie. Und es wäre die Regisseurin, die vorn auf der Bühne steht. Wir müssen uns also keine offiziellen Dankesworte ausdenken. Obwohl das bestimmt das kleinste Problem wäre ...
BLITZ!: Hat sich allein mit der Nominierung schon etwas in Eurer Arbeit verändert?
L.C.: Im Moment bekommt unsere Arbeit eine ganz andere Öffentlichkeit. Für unsere Projekte lassen sich verschiedene Künstler oder Finanziers sicherlich leichter ansprechen, allein schon aufgrund der Nominierung.
BLITZ!: Was wäre denn ein persönliches Wunschprojekt?
L.C.: Ich mag sowohl Mainstream-Kino als auch ansprechende Art-house-Filme. Ein Sci-Fi-Projekt wäre sicherlich ein spannendes Genre, auf das ich persönlich Lust hätte.
BLITZ!: Und was produziert Ihr gegenwärtig?
L.C.: Schmidtz Katze Filmkollektiv entwickelt grad einen spannenden Wirtschafts-Thriller im Mittelalter über nichts Geringeres als die erste Medienrevolution, nämlich den Buchdruck von Johannes Gutenberg. Auch ein Remake des Märchenklassikers "Das kalte Herz" ist in Arbeit.
BLITZ!: Na dann viel Erfolg, vor allem in Los Angeles.
L.C.: Danke!
