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Flo und Jesko (v.li.) Flo und Jesko (v.li.)

Fremdgang

Naiv aus freiem Willen


Flo, Eric und Jesko aus Halle sind Fremdgang und als solche keine Band. "Mitglied ist, wer gerade Lust hat", sagen sie, machen ihr Ding und eine CD ("Utopia").

BLITZ!: Ihr seid keine Band, Ihr seid ein Projekt. Euer Album aber wird ein Album, oder?
Flo: Klar wird das ein Album. Frei im Stil und im Denken, so wie alles sein sollte. Keine Festlegungen, keine Bedrängnis. Das ist Freiheit, das ist Kultur, das ist Fremdgang.
Jesko: Unser Album wird so was von einem Album - 13 Tracks auf einer CD kann man kaum anders nennen, oder? Aber halt anders. Flo kennt bis jetzt noch nicht mal alle Tracks, die ich mit Eric gemacht habe und wird die wahrscheinlich erstmals auf der fertig gepressten CD hören. Ist ja auch viel spannender so.

BLITZ!: Wer ist in welcher Form am Album beteiligt?
Jesko: Beteiligt - das ist ja sehr relativ. Also Hauptprotagonisten sind Flo, Eric und ich bzw. der Unbekannte Interpret, Mr. E und der Jesko, wenn du so willst. Flo hat - ungefähr - die eine Hälfte der Musik komponiert und auf Gitarre gespielt, Eric die andere mit Klavier und Beats geschrieben, und ich schrieb die meisten Texte und performe sie hauptsächlich. Aber Flo singt auch mal und hat "Nichts eilt" zum Beispiel ganz alleine gemacht. Dann ist da noch Paul, der bei einem Song die Gitarre spielt, Hannes, der bei "Weißer Nebel" die zweite Gitarre spielt, meine Schwester Jelka, die "Ich vergesse" singt, und Steffen, der dazu noch Klavier spielt. Und dann ist da noch Sinok, der ein paar Songs mit uns aufgenommen hat, und Johannes, der das Ganze gerade mischt und mastert ... Und wenn man jetzt noch eine Ebene weiter geht, sind da noch ein paar andere Leute, die ihren nicht zu vernachlässigenden Einfluss darauf hatten.
Flo: Ich, der Flo, mache die Gitarrenmusik. Oftmals liest mir der Jesko seine Texte vor, und ich überlege, was im musikalischen Rahmen dazu passen könnte. Zweitstimmen baue ich auch gerne ein. Ab und an steigt Jesko mit Gesang ein, so dass es an Vielfältigkeit allein schon im Gitarrenteil der CD wahrlich nicht mangelt. Das Wichtigste an der ganzen Geschichte ist: Nicht denken - machen!

BLITZ!: Welche Rolle spielen Weiße Nebel und Naivität für Euch?
Flo: Weißer Nebel ist überall. Ungewissheit. Angst. Zeit, die uns irgendwie durch die Lappen geht, weil wir uns zu wenig trauen. Verschiedene Standpunkte verschiedener Menschen. Der irrsinnige Glaube des Einzelnen im Recht zu sein. Einsamkeit. Ungerechtigkeit. Dem gegenüber steht die Naivität, welcher wir besonders bei diesem Projekt unsere Treue beweisen wollen. Freiheit. Liebe. Verständnis und Vergebung. Hat für mich persönlich nicht viel mit Religion, sondern mit innerem Frieden zu tun. Der Weg, zu sich selbst zu finden, ist der längste. Und Nebel wird uns genauso begleiten wie Naivität. Und wenn wir Glück haben, ist von der Unbefangenheit immer ein wenig mehr da.
Jesko: Naja, das sind ja zuallererst einmal zwei Titel vom Album bzw. drei ... "Weißer Nebel" gibt es nämlich einmal in der Version mit Flo und einmal in abgewandelter Form als "Weißer Leben" mit Eric. Ist auch so ein bisschen mein persönlicher Lieblingssong, glaub ich. Also beide Versionen. Und damit fing's musikalisch auch an, wenn ich mich richtig erinnere, damals vor 'nem knappen Jahr. Jedenfalls ziehen sich die beiden Begriffe irgendwie durchs ganze Album, tauchen da immer mal wieder auf. "Weißer Nebel" steht ursprünglich für dieses Undurchsichtige, schwer Vorhersehbare, das einen manchmal eben keine Lösungen sehen lässt und zum Verzweifeln bringt. Naja und dann halt aus diesem Text abgeleitet der Wunsch, das eben zu ändern, auf welche Weise auch immer. Im HipHop wären wir jetzt beim Conscious Rap.
"Naiv" taucht erstmals im Titelsong "Utopia" auf, in der Zeile "Es hat sich ausnaivt", und dann halt im Song "Lieber Naiv". Da drehe ich den Inhalt, den man sonst dazu hat, etwas um, deute das neu, weg von diesem negativen Kontext, den man mit Naivität verbindet. Also eigentlich nicht mehr die ursprüngliche Naivität, sondern das Naiv-Sein aus freiem Willen. An die Utopie glauben eben. Ich höre ja manchmal als Kommentar zu meinen Texten, die seien so idealistisch - und darauf sage ich eben: Ja! Kann ja nicht schaden, so ein bisschen naiver Idealismus. Etwas als Utopie zu erkennen, heißt eben, die potenzielle Unerreichbarkeit dessen wahrzunehmen und es trotzdem zu versuchen. Wo kämen wir denn hin, wenn wir die ganze Zeit nur so abgeklärte Realisten sind?

BLITZ!: Was macht Ihr hauptberuflich bzw. hauptsächlich?
Flo: Ausbildung zum Industriekaufmann bei Halloren. Danach studieren und zwar etwas, mit möglichst viel sozialer Interaktion. Was? Ist noch nicht ganz raus.
Jesko: Ach, dieses hauptberuflich. Kann mir mal jemand erklären was das ist? Aber was ich hauptsächlich mache: Schreiben. Nur halt sehr verschiedene Sachen und auf sehr verschiedene Weise.

BLITZ!: Könntet Ihr Euch vorstellen, mal eine Band zu werden?
Jesko: Immer diese gesellschaftlichen Vorgaben ... wir sind ja quasi das musikalische Äquivalent zu ner offenen Beziehung. Wir machen jetzt halt zusammen Musik und wenn wir Lust und Möglichkeiten haben, hoffentlich auch noch weiterhin, aber deswegen müssen wir ja nicht gleich eine Band-Ehe schließen. Man kann ja über Fremdgehen denken, was man will, aber musikalisch ist das doch sehr fruchtbar! Sonst wäre doch nie so ein Album herausgekommen wie "Utopia".
Flo: Fremdgang ist jetzt. Was wird, weiß man nie.

BLITZ!: Wann und wo kann man Euch erleben?
Jesko: Wir werden beim Schlagworte-Slam im Turm am 19. Februar als Feature dabei sein - zumindest Flo und ich, vielleicht auch Paul. Mit Eric müssen wir mal schauen, ob der kann, und wie wir das dann machen mit den Beats und so ...
Flo: Fremdgang ist oft in der Poetry-Slam-Szene anzutreffen. Schaut bei Facebook nach oder aber, wenn's um Flo geht, auf facebook.com/UnbekannterInterpret. Ich freu mich auf Euren Besuch!


Internet:

fremdgang.derjesko.de  •   facebook.com/fremdgang  •   facebook.com/UnbekannterInterpret


Nächster Termin:

19.02. Turm (Halle)


Wort: Ernie LC / Bild: Marc Langela





Sebastian Krumbiegel Sebastian Krumbiegel

Sebastian Krumbiegel auf Tour

Keine Distanz zum Publikum


Sebastian Krumbiegel tourt allein durch die Ländereien. Er sitzt am Klavier und singt. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Ach ja, er erzählt noch kluges Zeug dazu.

BLITZ!: Hallo Sebastian. Du bist ab 3. März auf "Solo am Piano"-Tour. Der kleine, alleinige Prinz sozusagen. Was kann das Publikum denn an diesen Abenden erwarten? Klar, Dich am Piano, aber was noch?
Sebastian Krumbiegel: Die Idee zu dieser Tour war eigentlich ganz einfach: Ich spiele sowieso jeden Tag Klavier, zu Hause, bei Freunden, die ein Instrument rumstehen haben, in Hotels oder Kneipen. Wenn irgendwo ein Klavier oder ein Flügel steht, versuche ich darauf zu spielen und dazu zu singen - also haben wir Läden gesucht, kleine Theater, Klubs oder kuschelige Cafés, in denen Klaviere stehen, die gern gespielt werden wollen. Das mache ich dann, also eigentlich nichts anderes, als das, was ich auch zu Hause in meinem Wohnzimmer mache. Natürlich erzähle ich zwischendurch kluges Zeug, aber es geht unterm Strich um eines: Da kommt einer und singt seine Lieblingslieder am Klavier - zum Großteil eigene, aber auch Coverversionen von Liedern, die mir wichtig sind.

BLITZ!: Deine Interpretation des Die-Art-Klassikers "Das Schiff" berührt schon sehr. Da merkt man, was für eine Fülle solch ein Ex-Post-Punk-Song eigentlich hat. Wie bist Du zu Deinen Heldensongs gekommen? Wie geschieht die Auswahl?
S.K.: Natürlich habe ich musikalische Helden - mit Musik von Udo Lindenberg und Rio Reiser bin ich aufgewachsen, genau so mit alten 20er-Jahre-Schlagern, die Marlene Dietrich oder die Comedian Harmonists gesungen haben. Und Die Art ist eine Leipziger Band, die ich wirklich sehr schätze, weswegen ich mich auch an deren Musik rangewagt habe. Alles, was ich mag, versuche ich, am Klavier umzusetzen, und dann kristallisieren sich eben irgendwann die Lieblingslieder heraus. Natürlich sind meine Interpretationen dieser Lieder sehr anders als die Originale, aber das ist ja auch Sinn der Sache - es geht nicht darum, zu kopieren, es geht mir um meinen persönlichen Stil. Ich schreibe meine Lieder am Klavier, für mich ist ein Lied dann gut, wenn ich es alleine an meinem Lieblingsinstrument performen kann.

BLITZ!: Mit Deiner Hauptband füllst Du ja sogar problemlos die Arena in Leipzig. Nun geht's alleine zum Beispiel ins Café Wagner in Jena oder ins Malzhaus Plauen. Wo liegt für Dich der Reiz an den intimen Clubs? Die Gage kann's ja nicht sein.
S.K.: Du weißt ja nicht, was die mir zahlen ... Natürlich genieße ich es sehr, mit den Prinzen auf großen Bühnen zu stehen. Das ist jedes Mal wieder eine unglaubliche Energie, und ich freue mich schon wieder auf die nächste Tour im August und September. Die "Solo am Piano"-Tour ist was ganz anderes. Und es hat auf eine sehr eigene Art einen Charme, den du auf großen Bühnen nicht findest, eine Nähe zu den Leuten, ein sehr intimes, persönliches Konzert. Es gibt keine vorgezeichneten Abläufe, keine Licht- oder Pyro-Show, keine Videowände und vor allem keinen Graben vor der Bühne, also keine Distanz zum Publikum. Es ist vielleicht ein bisschen wie damals in den 20er Jahren in einem Musiksalon: Ich rede mit den Leuten und singe meine Lieder.

BLITZ!: Was Du machst, sehen die Leute ja, auch was Tobias macht, ist recht transparent. Womit verdienen aber die Restprinzen eigentlich zwischen den Alben ihre Brötchen?
S.K.: Wir verdienen unsere Brötchen mit dem Mutterschiff Die Prinzen und wissen, dass wir damit einer sehr privilegierten Kaste angehören. Musik machen und davon leben können ist nicht selbstverständlich - das halte ich mir oft vor Augen. Dass vor allem Tobias und ich neben unserer Lieblingsband auch anderweitig musikalisch unterwegs sind, liegt wohl in unserer Natur. Wir sind beide sehr kreative Menschen und können gar nicht anders. Das Schöne ist, dass wir nach über 20 Jahren Prinzen sehr entspannt mit diesen Soloausflügen umgehen. Wir wissen, dass solche Sachen keine Konkurrenz-Veranstaltungen sind, sondern dass wir auch als Prinzen dadurch frisch bleiben, neue Eindrücke gewinnen, die dann unterm Strich wieder in die Band zurückfließen. Auch Jens und Wolfgang haben schon ihre eigene Musik produziert, und Wolfgang kümmert sich daneben noch um unsere Verlagsangelegenheiten. Überhaupt ist es so, dass wir uns seit vielen Jahren selbst managen. Vor allem Mathias und Henri haben ein sehr gutes Händchen, wenn sie unsere Tourneen buchen. Ich bin weniger der Geschäftsmann, und ich glaube, die Band kann froh sein, dass ich mich an dieser Front eher zurückhalte.

BLITZ!: Soll's auch ein Album geben zur Solo-Tour?
S.K.: Anfang des Jahres war ich bei einem sehr guten Freund in der Nähe von Dresden. Er hat dort ein sehr charmantes Studio, in welchem mein alter Flügel steht, und dort haben wir innerhalb von zwei Tagen 20 Lieder aufgenommen. Zur Zeit stellen wir daraus ein Album zusammen, welches ich dann auf der Tour verkaufen werde. Aber wie ich mich kenne, wird das dann wohl auch irgendwann in die Läden kommen - es ist nämlich verschärft gute Musik, von der alle was haben sollen.

BLITZ!: Danke für das charmante Gespräch, Sebastian!


Termine:

03.03. Eisenach, Alter Schlachthof
09.03. Jena, Café Wagner
16.03. Plauen, Malzhaus
17.03. Wittenberg, Phönix-Theater
24.03. Arnstadt, Theater
30.03. Pirna, Tom Pauls Theater
31.03. Dessau, Altes Theater
04.04. Leipzig, Horns Erben
03.05. Dresden, Pianosalon


Wort und Bild: Volly Tanner